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Ein Wintermärchen

Sie tanzte, wirbelte umher, schwebte empor und stürzte herab.

Sie tanzte ohne Musik.

Es war ihr erster Auftritt, umringt von ihren Schwestern. Unerkannt in gleicher Tracht drehte sie sich mit ihnen.

Sie tanzte vor Freude.

Sie würde sie endlich richtig sehen. Würde ihnen nahe kommen und sie zum lachen bringen.

Was hatte sie nicht alles von der großen Welt gehört. So lang war die Wartezeit gewesen. Manchmal war das Jauchzen bis zu ihr gedrungen. Die Alten erzählten, dass es knirschte, wenn die Menschen durch die frisch gedeckte Landschaft stapften. Ihre Schwestern berichteten von klirrenden Eiszapfen, in denen sich das Sonnenlicht brach und bunte Reflexionen warf. Weiße Wölkchen dampften aus den Mündern der Menschen und malten Kringel in den Wind. Schornsteine rauchten, Kerzen glommen. Hinter klaren Scheiben saßen Kinder und beobachteten die Kunstwerke der Schwestern, die sie an die Fenster zauberten. Bald würde sie alles selbst erleben.

Sie kreiselte dem großen Weiß entgegen, voller Erwartungen. Aus der gleichförmigen Masse tauchten plötzlich dunkle Formen auf. Tannen wuchsen in den Himmel. Einige ihrer Wegbegleiter ruhten sich auf ihnen aus. Weiter unten entdeckte sie eine andere Silhouette. Aufgeregt hüpfte sie zwischen ihren Schwestern umher. Sie konnte ihr Glück kaum fassen.

Ein Mensch!

Direkt vor ihr. Nichts würde ihre Begegnung aufhalten. Es würde nicht mehr lange dauern.

Komisch sah er aus. Was machte er da? Schlief er? Er lag ausgestreckt auf der weichen Decke, die ihre älteren Schwestern unter ihm ausgebreitet hatten. Sie berührte seinen braunen Wuschelkopf. Die steifen Haare piekten. Glitzerten Menschen?

Sie purzelte durch sein Locken, kullerte seine Stirn hinab und kam auf seiner Nasenwurzel zum Halten. Ein blasses Gesicht. Seine Wimpern schimmerten weiß. Menschen sahen so nicht aus! Man hatte ihr berichtet, dass sie rosige Haut hatten. Etwas stimmte nicht. Er war viel zu kalt. Die Schwestern, die sie begleitet hatten, deckten ihn fürsorglich zu. Er sollte aufwachen und sich bewegen. Sie stupste ihn an, doch er rührte sich nicht. So sollte ihre erste Begegnung nicht ausfallen.

Lustig hatte sie es sich vorgestellt. Das hier war traurig. Keine lachenden Gesichter, keine haschenden Hände. Der weite Weg umsonst. Dieser Mensch würde sie nicht einmal sehen, nicht spüren. Er war viel kühl, um etwas zu fühlen.

Sie rutschte auf seine Nasenspitze und sah hinab. Seine Lippen zitterten. Warum freute er sich nicht über die weiße, glitzernde Pracht? Ihre Schwestern hatten sich viel Mühe gegeben. Jetzt weinten sie. Glasklare Tropfen perlten von seinem Umhang. Allein mit dem unbeweglichen Menschen machte es keinen Spaß. Traurigkeit überkam sie. Einer silbernen Träne gleich floss sie über seine rote Nasenspitze, verweilte einen Moment.

Ob sie ihn zum Lachen bringen konnte, wenn sie ihn kitzelte?

Seine Nase zuckte. Er nieste. Sie flog – ohne zu tanzen, aber voller Glück. Er war erwacht.

 

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Ich hoffe, ich konnte euch den Schnee damit etwas erträglicher machen^^

 


18.12.10 13:18

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